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14.10.2020 Oldtimer, Veranstaltungen

Seine letzte große Ausfahrt

Eigentlich wolle er gar nicht so weit weg fahren. Knapp 500 Kilometer mit Fahrzeugen, die über 100 Jahre alt sind? Da muss er ja zwangsläufig einen Mechaniker mitnehmen. Das waren die Worte, als ich unserem Seniorchef von der "Classic Gala" in Schwetzingen erzählte.

Einige Tage zuvor rief mich ein alter Freund von ihm an. Er veranstalte trotz Corona-Pandemie wieder eine Oldtimer-Ausstellung in wunderschönem Ambiente. Im Schlosspark der nordbadischen Stadt träfen sich im September wieder zahlreiche Enthusiasten klassischer Fahrzeuge. Und da er wisse, dass Rolf Müller über einen beeindruckenden Fuhrpark älterer und ältester Automobile verfüge, wolle er ihn gern einladen. Ihr letztes Zusammentreffen sei schließlich schon einige Jahre her und zu den vergangenen Veranstaltungen gab es immer irgendwelche Terminprobleme. Ob ich nicht ein gutes Wort beim Chef einlegen könne, fragte mich der Organisator. Er würde sich sehr freuen, den alten Adler von 1909 noch einmal zu sehen. Und mit den so ausgezeichnet aufgearbeiteten Fahrzeugen stünden zudem die Chancen gut, dass diese von einer Fachjury prämiert würden.

Aus der Vergangenheit wusste ich, dass mein Seniorchef von typischen Oldtimer-Ausstellungen eher mäßig begeistert war. Zumeist waren ihm die Autos zu neu. "Vor 30 Jahren waren das ja schon richtige Autos. Das hat mit Oldtimern nichts zu tun", so sein Credo. Insofern erhoffte ich mir nicht viel, als ich ihm die Einladung nach Schwetzingen übermittelte. Innerlich rechnete ich schon mit einer Ablehnung. Doch es sollte anders kommen.
Nachdem er erfuhr, wer die Einladung ausgesprochen hat, begann das Grübeln bei ihm. Ich hielt den Organisator der Oldtimer-Ausstellung also noch etwas hin. "Die Veranstaltung ist erst in drei Wochen, da braucht er jetzt noch keine feste Antwort", tönte es aus dem Chefbüro. Aber innerlich hatte er sich bereits festgelegt. Die Frage für ihn war nur noch, wie er mit seinen Schätzen nach Schwetzingen kommt und wer ihn dabei unterstützt.

Aus der ursprünglichen Idee, die Fahrzeuge selbstrollend nach Baden-Württemberg zu fahren, zerschlug sich schnell. Zu groß die Gefahr, dass eines der Gefährte liegen bleibt oder ein Ersatzteil nicht aufzutreiben ist. Das fachliche Know-How wäre da gewesen - neben dem Karosseriebaumeister Rolf Müller begleiteten ihn unter anderem seine Enkel, die ebenfalls als Mechaniker und Karosseriebauer arbeiten. Schließlich ging es per Schlepper auf Tour, was sicherlich auch einige Stunden Reisezeit gespart haben dürfte.

In Schwetzigen selbst mauserten sich DUX und ADLER zu begehrten Publikumsmagneten. Insbesondere die Qualität der Restauration wurde vielfach gelobt. Andere Liebhaber erkundigten sich nach fachlichen Kniffen und Familie Müller gab begeistert Auskunft.
Neben den eigenen Schätzen konnte sich Rolf Müller aber auch an den zahlreichen anderen ausgestellten Fahrzeugen erfreuen. Bei fachlich sauber restaurierten Oldtimern ging ihm das Herz auf. Bei Gesprächen über verwendete Materialien für Chassis, Polsterung und Innenraum, über genutzte Verfahren zur Hohlraumkonservierung oder ganz allgemein über die "gute, alte Technik" konnte er die Zeit vergessen und war in seinem Element.

Dieses Herzblut, das er in seine Oldtimer steckte, überzeugte schließlich auch die in Schwetzingen anwesenden Juror*innen. In gleich drei Klassen konnten Rolf Müllers Fahrzeuge überzeugen. Gleich zwei erste Plätze strich der DUX Typ S ein, der 1923 in seiner Heimatstadt gebaut wurde. (Der Korrektheit halber sei angemerkt, dass Wahren damals noch kein Stadtteil Leipzigs war.) Der "ASC Classic Gala Pokal 2020" und der "Classic-Gala Prix deLuxe bis 1920" ging damit nach Sachsen. Einen zweiten Preis holte eines der ältesten Autos in Schwetzingen: Der ADLER 19/40 aus dem Jahr 1909 erhielt den "Classic-Gala Preis der Jury 2020" in Silber. Das Fahrzeug mit 4,9-Liter-Vierzylinder-Motor wurde in Frankfurt gebaut und in der Müllerschen Werkstatt von Grund auf neu aufgebaut.

Die Ausfahrt nach Schwetzingen war Rolf Müllers letzte große Ausfahrt, bevor er uns Anfang Oktober für immer verließ. Er hat die Zeit in Schwetzingen sehr genossen, wie er mir kurz nach seiner Rückkehr erzählte. Er und seine Familie, inmitten dessen, was für ihn noch "richtige Automobile" waren - so hatte er sich wohl gefühlt. Es sei für ihn "ein Erlebnis gewesen zwischen den vielen Oldtimern meine historischen Automobile präsentieren zu dürfen", schrieb Rolf Müller in seinem letzten Brief nach Schwetzingen. Und eigentlich wäre er gern im kommenden Jahr wieder zur Classic-Gala gereist. "Schwätzingen wird es auch in den nächsten Jahren noch geben", schrieb er. Er wird vermisst werden, hat mir sein Freund aus Nordbaden mitgeteilt. Jener hofft nun, dass Rolf Müllers Enkel die Passion des Großvaters fortsetzen.

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